Eine kleine Aufklärung zur Pyramidenforschung

aus: http://www.weltraumarchaeologie.com/Universit.ae.res.htm …………………………………………………………………………………………………………………………………………….

Pyramidenforschung im Lichte undogmatischer Betrachtung und Vielschichtigkeit
von
Dr. rer. nat. Dominique Görlitz

Reiseerfahrungen zu den Bosnienpyramiden

Sind sie tatsächlich die Hinterlassenschaften einer unbekannten Hochkultur?

von Dr. rer. nat. Dominique Görlitz (2013)
Einleitung

Es gibt zwei Arten, sich zu täuschen:
Die eine ist, Unwahres zu glauben,
die andere ist, nicht zu glauben, dass es wahr ist!
(Søren Kierkegaard, Philosoph)

Abb. 1 Der Berg Visočica soll nach den Untersuchungen von Semir Sam Osmanagich eine echte glattwandige Pyramide sein, die in wesentliche Merkmalen einer ägyptischen und mittelamerikanischen Grabpyramide übereinstimmt.

Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit dem Kulturdiffusionismus und der Experimentalarchäologie. Als Wissenschaftler an der TU Dresden versuche ich, mittels transdisziplinärer Forschungen die Frage zu beantworten, ob sich die frühen Zivilisationen der Weltgeschichte eigenständig (autochthon) oder miteinander entwickelten. Dieses Studium schließt auch die Technikgeschichte und die Architektur mit ein, was mich schon sehr früh in meiner Berufsausbildung beeinflusste. Außerdem habe ich, anregt durch die Freundschaft mit Thor Heyerdahl, mich sehr intensiv mit der Verbreitungs- und Entstehungsgeschichte von (Stufen)Pyramiden beschäftigt. Dabei ging es mir nicht so sehr um die Frage, ob ägyptische Seefahrer die Idee für die Grabpyramide in den „fernen Westen“ also nach Amerika exportierten, sondern vielmehr darum, ob die weltweite Verbreitung von Pyramiden wissenschaftlich belastbare Befunde für die Theorie des globalen Kulturdiffusionismus liefert?

Natürlich gibt es auf so eine komplexe Fragestellung, wie die interkontinentale Pyramidenverbreitung, keine einfachen Antworten. Meine Suche nach Belegen dauert deshalb bis heute an. Ein Ende ist lange nicht in Sicht. Ein Grundsatz war mir jedoch bei dem Studium der Pyramiden von Anfang an wichtig: Immer, falls es mir räumlich, zeitlich und finanziell möglich war, wollte ich mir ein eigenes Bild vor Ort von diesen Bauwerken machen. Das Studium von Fachliteratur, Filmen und auch Internetquellen ist eine gute Möglichkeit, sich zu informieren, stellt aber grundsätzlich nur „Wissen aus zweiter Hand“ dar! Sie ersetzen niemals die Feldbeobachtung, das eigene Untersuchen und das Vergleichen mit anderen archäologischen Standorten. Das trifft auch für die Bosnienpyramiden zu, die durch die Aktivitäten des Bosniers Semir Sam Osmanagich in den letzten Jahren Weltberühmtheit erlangten. Meinen diesjährigen Sommerurlaub verbrachte ich per Zufall in die Nähe der bosnischen Stadt Visoko. Deshalb konnte ich es mir nicht nehmen lassen, diese Gelegenheit für eine Inspektion zu nutzen. Dieser Bericht soll einen kurzen Einblick in meine Feldstudie geben, um meine Schlussfolgerung zu untermauern, dass zumindest die große Sonnen- und kleinere Mondpyramide keine archäologischen Hinterlassenschaften einer unbekannten Zivilisation sind.

Ein Plädoyer für die ideologiefreie Wissenschaft

Die große Leistung der klassischen Naturwissenschaft seit den Zeiten der Aufklärung war, die objektive Wirklichkeit so zu vereinfachen, dass wir alle sie verstehen können. Das hat zu unglaublichen Erfolgen in der Wirtschaft, Technik und auch im Alltag geführt, weil man die objektive Realität in Modellen erfassen, sich daran annähern oder auch damit rechnen konnte. Innovationen, wie z.B. mit einem Passagierflugzeug über den Atlantik zu fliegen oder mit Hilfe des Internets in Lichtgeschwindigkeit weltweit zu kommunizieren, sind nur zwei Beispiele für die großen Errungenschaften der modernen Wissenschaften. Diese Erfolge haben dazu geführt, wie es Pietschmann (report passim. 2012), Professor für theoretische Physik, vortrefflich ausdrückte, „dass Wissenschaftler und andere Menschen die vereinfachten Modelle mit der echten Wirklichkeit verwechselt haben. Die Wissenschaft legt aber nur ein grobes Raster über die objektive Realität. Durch dieses Raster, das durch das naturwissenschaftliche Denken entstanden ist, fallen jedoch sehr viele Phänomene, wie durch eine Art „Rost“, einfach durch […] Damit bildet die klassische Naturwissenschaft nur einen Teil der objektiven Relativität ab.“ Somit liefert die Wissenschaft auch keine ultimativen Antworten oder Wahrheiten, sondern stellt im Grunde genommen nur noch tiefgründigere Fragestellungen, um sich einem unbekannten Sachverhalt zu nähern. Problematisch wird es für die Forschung erst, wenn Wissenschaftler oder auch Laienforscher ihre Paradigmen, die für ihre Theorien unabdingbar sind, zu Dogmen erheben.

Es muss noch einmal ganz klar gesagt werden: die Theoriebildung in der Wissenschaft funktioniert nicht ohne Paradigmen. Sie sind nach Kuhn (1962) „nichtempirische Voraussetzungen” wissenschaftlicher Theorien. Pietschmann (1990) unterscheidet zwischen prediktiven Theorien, also solchen, die überprüfbare Voraussagen erlauben, und konsistenten Theorien, deren Aussagewert damit steht oder fällt, wie konsistent, d.h. wie stimmig oder widerspruchsfrei, sie einen umfassenden Sachverhalt erklären. Empirisch beweisen lassen sich die Aussagen konsistenter Theorien jedoch nicht.

Für die zentrale Frage der Pyramidenforschung, ob der frühe Mensch aus der Alten Welt den Ozean überquerte und in Amerika die Entstehung hochentwickelter Kulturgesellschaften beeinflusste, gibt es weder eindeutige archäologische noch empirische Beweise. Man kann lediglich feststellen: “So könnte es (gewesen) sein“, wobei man aber den allgemeingültigen Beweis auf die Frage: “War es wirklich so?“, schuldig bleibt (Brestowsky 2009). So gesehen fallen alle Theorien, auch über den Ursprung der Pyramiden in der Neuen Welt, dem Problem anheim, dass man zumindest >gegenwärtig< noch nicht ausreichend beweisbare Fakten besitzt, die unwiderlegbar die Frage beweisen: “Ist es so?” (Brestowsky 2009).

In der klassischen Archäologie verteidigt man immer noch auf den Standpunkt, dass sich die pyramidalen Kultbauten auf beiden Atlantikseiten völlig unbeeinflusst voneinander entwickelten. Man bedient sich dabei des Paradigmas, dass es bis zu Kolumbus im Jahr 1492 keine Kulturbeeinflussung durch altweltliche Seefahrer gegeben hat. In den letzten Jahren hat die interdisziplinäre Forschung jedoch eine Vielzahl neuer Befunde aus unterschiedlichsten Fachdisziplinen geliefert, die nahelegen, dass das Paradigma „von 1492“ akademisch nicht mehr zu halten ist. Doch genau hier liegt das Problem: viele Wissenschaftler wollen oder können solche interdisziplinären Befunde nicht als echte Beweise akzeptieren, und erheben ihre Paradigmen zu Dogmen, um das eigene Theoriegebäude vor dem Zusammenbruch zu schützen. Das ist im akademischen Sinne jedoch ein enormer Fehler, Theorien mit unbewiesenen Paradigmen aufrechtzuerhalten, obwohl die Fakten in eine ganz andere Richtung deuten! „Ohne es zu merken, dreht man am Ende die Fakten so, dass sie zu den Theorien passen, anstatt die Theorien so aufzustellen, dass sie zu den Fakten passen“ (Doyle 1902).

Vom wissenschaftlichen Selbstverständnis ist es daher unerheblich, ob man eine theoretisch gewonnene Aussage für “sehr wahrscheinlich” oder “sehr unwahrscheinlich” hält. Solche Urteile sind stark von individuellen oder gesellschaftlichen Vorurteilen abhängig. Folglich bleiben Paradigmen – wissenschaftliche Basisannahmen – de facto unbeantwortet. Wirklich entscheidend ist nur die Grundsatzfrage: Lässt sich eine bestimmte Aussage empirisch verifizieren oder falsifizieren? Nur sie beantwortet unwiderlegbar die Frage: “Ist es so?” (Brestowsky 2009).

Aus diesem Grund ist es für einen Wissenschaftler wichtig, sich von übereilten Schlussfolgerungen und Vorurteilen freizumachen. Vielmehr sollte man sich immer ideologiefrei und selbstkritisch hinterfragen, auf welchen Grundannahmen die eigene Hypothese besteht? Passen die Theorien tatsächlich zu den beobachtbaren Fakten? Gibt es empirische Daten, die überprüfbare Voraussagen erlauben, um die eigene konsistente (stimmige) Theorie in die empirische Forschung zu übertragen?

Das ist die akademische Gesinnung, die mich als Mensch und Wissenschaftler prägt, um meinen Teil für die Suche und die Erforschung unseres Ursprungs beizutragen. So auch für die Klärung der Frage, ob die beiden pyramidenförmigen Erhebungen nahe der bosnischen Stadt Visoko wirklich die Überreste einer bisher unbekannten alten europäische Hochkultur sind? Finden sich hier Hinweise und Spuren, welche wissenschaftliche belastbare Evidenzen dafür liefern, dass hier mit einer Art Hightech-Bauweise – möglicherweise ähnlich wie an den Großpyramiden von Gizeh – die Hinterlassenschaften einer frühen Zivilisation zu bestaunen sind?

Das Pyramidenrätsel von Visoko

In seinem Buch „Das Bosnische Tal der Pyramiden“ (2007) offeriert Semir Sam Osmanagich geologische und photographische Beweise „für das Vorhandensein der ersten Pyramiden in Europa […]“. Auf mehr als 189 Seiten legt er seiner Meinung nach dar, dass sich unweit der Stadt Visoko in Bosnien und Herzegowina mehrere Pyramiden befinden, die von Menschenhand vor langer Zeit erbaut worden seien.

Ungeachtet der Tatsache, dass eine Vielzahl von Archäologen, Geologen und anderen Fachleuten, unter anderem Prof. Schoch (Boston Collage of Geology), seine Interpretationen als unhaltbar ablehnen, beharrt Osmanagich weiter auf seinen Behauptungen. Danach soll es sich bei dem Berg Visočica um die „Pyramide der Sonne“ handeln. „Die Natur gestaltet selten die Berge in geometrischen Formen. Ohne Rücksicht darauf, dass der Berg Visočica 760 m hoch ist, und sich 220 m oberhalb des Tals von Visoko befindet, habe ich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass es sich um ein Werk menschlicher Hände handelt.“ In Anlehnung an angebliche Bautraditionen Mittel- und Südamerikas sei der gegenüberliegende und etwas niedrigere Berg Plješevica die „Pyramide des Mondes“. Außerdem befinde sich eine dritte Pyramide, die „Pyramide des Bosnischen Drachen“, unweit davon.

Abb. 2 Blick auf die sogenannte Mondpyramide von der gegenüber-liegenden Sonnenpyramide. Sehr gut erkennt man das Geländeprofil des Tals von Visoko.

In seiner Argumentation bemüht sich Osmanagich, seine Hypothese interdisziplinär zu bestätigen. Er spannt den Bogen von geologischen, geographischen bis hin zu Satelliten gestützten und Thermalanalysen, die seine Interpretation untermauern sollen. Die wichtigsten Argumente seiner Kausalkette stellen die bei Ausgrabungen freigelegten Steinblöcke, Mörtel- und Kunstbetonreste dar. Insbesondere die Sondierungsgrabungen ab April 2006 führten seiner Meinung nach zur Entdeckung regelmäßig geformter Steinblöcke. Durch spätere Analysen wurde festgestellt, dass es sich um Betonblöcke handeln soll, die eine hohe Festigkeit haben. Die Dicke der Blöcke beträgt zwischen 45 bis 75 cm. An einigen Stellen, insbesondere an der Spitze erkennt man Reste der einstigen Glasur, die eine andere Struktur hat, als der Konglomeratsteinblock. Es handelt sich um die Struktur des Sandsteins, der wahrscheinlich die Funktion der Thermoisolation hatte, und für die Reflexion des Sonnenlichts diente (Osmanagich 2007, 154ff). Auch werden angeblich die geraden Bruchkanten der Steinblöcke an der nördlichen und östlichen Flanke des Berges als Hinweise bewertet, dass die Steinblöcke künstlich bearbeitet sein sollen (Osmanagich 2007, 159).

Für die Authenzität der zweiten Pyramide, der sogenannten Mondpyramide, führte Osmanagich ab Mai 2006 weitere Sondierungsgrabungen durch. Er kam zu dem Ergebnis, dass diese Pyramide eine andere Formgestaltung und Struktur besitzt (Osmanagich 2007, 160ff). Mit einer Reihe von Bildtafeln möchte Osmanagich den Nachweis führen, dass die gefundenen regelmäßigen „Sandsteinplatten“ den Beleg für den künstlichen Ursprung des Bauwerks liefern. Dabei verweist er darauf, dass sich die Steintafeln über identische Winkel erstrecken und sich kontinuierlich unter einer regelmäßigen Schräge fortsetzen. In seinem Buch führt er etliche Bilder auf, die zeigen, dass dieses „Bauwerk“ eigentlich fast vollständig aus gepflasterten Zugangsterrassen besteht, ohne auf mögliche geologische Erklärungen einzugehen.

Abb. 3 Blick auf die Steinterrassen der Mondpyramide. Die regelmäßig verlaufenden Steinplatten seien ein untrüglicher Befund für die künstliche Natur dieses Bauwerks.

Zwar spart er nicht, seitenlang „geologische Untersuchungen“ zu zitieren. Diese sind aber vielfach ein Sammelsurium von Briefauszügen und persönlichen Kommentaren. Es fällt beim Lesen schwer, einen geologisch fundierten roten Faden zu erkennen. Außerdem gibt es durchaus Kommentare von erfahrenen Geologen, die ihm zumindest teilweise attestieren, dass es sich um eine natürliche Formation handelt. Eines stammt von der Geologin Nadija Nukič. Sie schreibt über den Bau, „dass sie zu 90 % der Meinung ist, dass es sich um natürliches Material handelt“ (Osmanagich 2007, 58). Aber ohne darauf adäquat einzugehen, werden eigene Kommentare oder Wertungen eingefügt, wie zum Beispiel: „Sie gibt zu, dass das Bohrloch [für die Sedimentbohrung] nicht groß genug ist […] und es am besten wäre, mit den Ausgrabungen anzufangen.“ Doch was hat dieser Kommentar mit einer fundierten geologischen Bestandsaufnahme zu tun?

Kurzum: Die von Osmanagich in seinem Buch angeführten Fakten und Argumente verwirren mehr als aufzuklären. Sie halten den Kriterien einer wissenschaftlichen Studie nicht stand. Natürlich kann man bestimmte beobachtbare Strukturen und Phänomene immer in mehrere Richtungen interpretieren. Aber von unwiderlegbaren Beweisen und geologischen bzw. archäologischen Befunden ist seine Zusammenstellung weit entfernt. Noch schwerer werden meine Vorwürfe über die von Osmanagich vertriebene DVD, wo er mittels Trickanimationen den Eindruck eines künstlich errichteten Pyramidenbauwerkes erweckt und die entdeckten geologischen Strukturen in Interviews als künstliche Bauwerke deklariert!

In der Zusammenfassung kommt Osmanagich (2007, 177) auch zu einem klaren Statement: „Multidisziplinäre wissenschaftliche Forschungen des Bosnischen Tals der Pyramiden haben […] das Vorhandensein von insgesamt fünf Objekten [her]auskristallisiert. Die Erhebungen von Visočica und Pljeseviča, bzw. die Pyramide der Sonne und des Mondes, haben ihre geo-archäologische Bestätigung durch die durchgeführte Ausgrabungen bekommen“.

Eigene Untersuchungen und Beobachtungen in Visoko

Im Juli 2013 reiste ich mit meiner Frau Cornelia Lorenz nach Visoko, um diese Hypothesen persönlich zu prüfen. Zwei Tage intensiver Besichtigungen lassen mich jedoch zu einem ernüchternden Statement kommen: Dieser Berg von Visoko ist weder eine Pyramide noch ein durch Menschenhand geformtes Bauwerk! Auch die anderen „Nebenpyramiden“ haben nichts mit einer Pyramide oder einem künstlichen Bauwerk im klassischen Sinne zu tun. Die von Osmanagich gepriesenen unwiderlegbaren Beweise für von Menschenhand geschaffene Strukturen stellen sich bei genauerer Betrachtung als Sedimentgestein, Verwitterungsprozesse und tektonische Hebungen sowie Brüchen heraus. Aus diesem Grund möchte ich meine Begründungen in Wort und Bild in Anlehnung zu den Hauptargumenten von Osmanagich geben:

  1. Von Menschen bearbeitete und regelmäßig geformte Betonblöcke

Nach Auffassung von Osmanagich zeigen die beiden Hügel die dreidimensionale Struktur einer echten Pyramide. Lediglich an der Südseite soll die „Sonnenpyramide“ mit den benachbarten, aber natürlichen Bergformationen verbunden sein. Für den Nachweis der künstlichen Errichtung bzw. Bearbeitung des Monuments aus Betonblöcken in „Kronenbauweise“ wurden verschiedene Sondierungsgrabungen an der Nordseite durchgeführt. Sie zeigen sowohl an der Grabung Nummer 4A als auch 4C große Blöcke, die aus Kunstbeton bestehen und regelmäßig geformt sein sollen. Unsere Beobachtungen ergeben ein ganz und gar unterschiedliches Bild (Abb. 4).

Abb. 4 Blick auf eine der beiden Probegrabungen am Nordhang. Diese zerborstenen Steinplatten sollen die Überreste der einstigen Pyramide sein, die in „Kronenbauweise“ aus Kunstbeton errichtet worden sein sollte. Eine regelmäßige Struktur der Bauelemente war auf unserer Inspektion nicht nachzuweisen.

Zum einen bestätigen unsere Untersuchungen vor Ort den Befund von John Bohannon (2006), dass diese Hänge aus einer besonderen Art Sedimentgestein aufgebaut sind. Es handelt sich dabei um ein schwach gerundetes Konglomerat im hangenden Übergang zur Brekzie (report passim. Prof. Dr. Manfred Buchroithner). Eine Brekzie ist ein Gestein, das laut Definition aus Gesteinstrümmern eckiger Form besteht, die in einer feinkörnigen Grundmasse liegen. Brekzien sind ähnlich aufgebaut wie die Konglomerate (z.B. Puddingstein), bei denen jedoch im Unterschied zur Brekzie abgerundete Gesteine in einem Bindemittel eingeschlossen sind. In Visoko sind die verbackenen, runden Bruchstücke von den groben, kantigen Formen abgeleitet. Weite Transportwege (z.B. als Sedimenteintrag in Wasserläufen oder Gletschern) führten in diesem Fall zu einer Abrundung der Kanten (Wikipedia).

Unsere beobachtbaren Strukturen widerlegen auch das Vorhandensein eines Kunstbetons! Beton ist ein künstliches hergestelltes Gestein, das aus einem Bindemittel (in der Regel Zement), Wasser und Betonzuschlägen, also Kies und Sand, besteht. Beton zeichnet sich durch seine hohe Druckfestigkeit aus. Diese Funktion wird durch die Verwendung der Zuschläge erreicht. Aus diesem Grund ist für den Baustoff Beton im besonderen Maße wichtig, dass die verwendeten Kiese und Sande vor der Verarbeitung bestmöglich durchmischt werden, damit der Beton die Bauwerkskräfte oder Drücke von außen gleichmäßig durch das Kunstgestein übertragen kann. Der Zement hat lediglich die Funktion die gutdurchmischten Baustoffe zusammenzuhalten, sprich zu zementieren. Die Eigenschaften des Betons werden deshalb durch die Zuschlagstoffe bestimmt und nicht allein, wie oft angenommen, durch das Bindemittel.

Unter Berücksichtigung dieser Fakten finden wir an den „Kunstbetonblöcken von Visoko“ klare Befunde, dass es sich um Sedimentbrekzie und nicht um Beton handelt. Die Blöcke weisen nicht die geringste Durchmischung der Kiese auf, sondern bestehen aus runden Kiesen und Sanden, die klar erkennbar unterschiedlich geschichtet und miteinander verbackenen sind. Damit haben wir es nicht mit einem künstlich hergestellten Beton zu tun (Abb. 5 & 6). Ebenso wenig sehen wir hier die Hinterlassenschaft einer untergegangenen Hightech-Zivilisation!
Abb. 5 & 6 Die Seitenansichten einiger der Großsteinblöcke, die nach Osmanagich und auch Davidovitz aus echtem Kunstbeton bestehen sollen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auch als Laie, dass diese ein uneinheitliches Konglomerat aus Kiesen und Geröll darstellt – völlig im Unterschied zu echtem Beton, der sich durch eine gleichmäßige Durchmischung aller Zugschlagstoffe auszeichnet.

Die Argumentation, dass dieses Bauwerk in Kronenbauweise mittels Betonüberzug zusammengehalten wurde, wird noch durch eine weitere Eigenschaft des echten Betons widerlegt: Es handelt sich bei den sogenannten „Betonblöcken“ von Visoko um unbewehrten Beton, der nicht durch eingebetteten Stahl verstärkt wurde, um die Zugspannungen aufzunehmen. Alle unbewehrten Betone können fast keine Zugbeanspruchungen aufnehmen, weshalb sie nur für einfache Kellerwände, kleine Fundamente oder Bodenplatten zum Einsatz kommen. Dass diese unbewehrten Betonplatten von Visoko ein Bauwerk mit einer Höhe von bis zu 220 m überziehen und zusammenhalten sollen, widerspricht jeden bauphysikalischen und baustatischen Gesetzmäßigkeiten. Im Gegenteil: hierin finden wir die Ursache, weshalb die großen Brocken an den Hängen der „Sonnenpyramide“ so unregelmäßig und gebrochen erscheinen. Diese Sedimentbrekzie konnte nach der Hebung aufgrund der einsetzenden Spannungen an den Berghängen diese Zugspannung nicht mehr halten. Aus diesem Grund zeigen sie die typischen Risse und Brüche, wie auf Abb. 4, die alles andere als gleichmäßige und bearbeitete Steinsetzungen zeigen.

  1. Nachträgliche Überdeckung des Bauwerkes

Einen der wichtigsten Hinweise, dass sowohl die „Sonnen-“ als auch die “Mondpyramide“ natürlichen Ursprungs sind, liefert die Begutachtung der aufgelagerten Sedimentprofile. Die Auflagerungen über den sogenannten betonierten Abdeckplatten verlaufen immer parallel (gestrichelte und gepunktete Linie in Abb. 7 & 8. Dies ist ein klares Indiz, dass diese Ablagerungen natürlich und kurzzeitig nach dem Deckgestein in geologischen Epochen entstanden sind. Wären sie „nachträglich“ über einem künstlichen Bauwerk aufgelagert worden, hätten sie sich mehr oder weniger waagerecht oder zumindest in einem anderen Winkel auf das Bauwerk aufgelagert (rote Linie in Abb. 8).
Abb. 7 & 8 Blick in eine Probegrabung, die einen sehr guten Profilschnitt des Terrains widergibt. Auf dem rechten Bild erkennt man oberhalb der Grube sehr gute Bäume, die immer senkrecht wachsen. An ihnen lassen sich sehr leicht die Böschungswinkel des geologischen Profils bestimmen (weiße Linien). Sie dokumentieren, dass sich über den „Deckplatten“ ein mächtiger, in gleichmäßigen geologischen Schichten gewachsener Boden befindet. Eine nachträgliche Auflagerung nach der etwaigen „künstlichen Errichtung“ kann damit ausgeschlossen werden, da es sonst zu Störungen der Boden- und Profilstruktur gekommen wäre (rote Linie).

Aus diesem Grund zeigen die Befunde der Probegrabungen, dass es sich bei den Abdeckplatten um Sedimentgestein handelt. Die oberste Schicht im Grabungsprofil ist in rezenter Zeit durch Pflanzenbewuchs und Verwitterung entstanden. Damit ist der Kern des Bauwerks natürlichen Ursprungs. Von Menschen errichtete Bauwerksspuren sind an der Sonnenpyramide (bisher) nicht nachweisbar!

  1. Die Sandsteinplatten der Mondpyramide

Osmanagich verweist selbst darauf, dass die sogenannte Mondpyramide eine andere Struktur und Bauweise als die Sonnenpyramide aufweist. Die Inspektion an dem Berg erbrachte, dass diese so genannte Pyramide eigentlich nur aus „Fußböden“ besteht. Echte Steinsetzungen oder Mauern lassen sich nirgendwo wiedererkennen (Abb. 9). Osmanagich erklärt, dass die Sandsteintafeln oder Platten klare Hinweise für eine Verarbeitung durch den Menschen zeigen, da solche geradlinigen Strukturen und Anordnungen in der Natur nicht von selbst entstehen.

Das ist jedoch falsch! Denn zum einen erscheinen an vielen anderen Orten solche terrassenähnliche Deckgesteine, wie das Bild von der Klosterinsel im kroatischen Krka Naturpark zeigt (Abb. 10). Zum anderen sind bei genauerer Begutachtung die angeblich von Menschhand verlegten Steinplatten keinesfalls so geradlinig und kontinuierlich verlaufend, wie behauptet wird. Man erkennt schräg aus der Hauptachse auslaufende Bruchlinien oder auch unterschiedliche Hebungen innerhalb der Steinplatten, die kein versierter Baumeister so absichtlich verlegt hätte.

Besonders befremdlich erscheint die Argumentation unter dem Bild 167 mit dem Kommentar, „dass sich zwischen den einzelnen Sandsteinplatten [künstliche] Lehmschichten befinden, die als Isolations- und Verbindungsmaterial dienten“ (Osmanagich 2007, 170). Dieser Kommentar legt die Unkenntnis von Osmanagich über geologische Strukturen offen und seine verweigerte Wahrnehmung, dass es sich hier nicht um Mauerwerk, sondern um in Sediment- und Lehmschichten eingebettete Gesteinsformationen handelt. Zudem zeigen die welligen Oberflächen der Steinplatten, dass es sich um fossilisierte und verfestigte Reste des ehemaligen See- oder Meeresbodens handelt. An einer Stelle hatte ein Regenguss einen Bereich mit Lehm aufgeweicht und aufgeschwemmt. Dieser Bereich begann in der Sonne sofort zu trocknen. Keine 50 cm weiter, war genau diese Struktur im Sandstein wieder zu finden (Abb. 11), was den natürlichen Ursprung dieser Strukturen offenbart.
Abb. 9 & 10 Links der Blick auf die Steinplatten der freigelegten Terrassen der Mondpyramide. Solche Gesteinsbrüche sind gar nicht so selten und kommen in vielen Kalksandsteinformationen vor. Zum Beleg auf rechten Seite das originale plattenförmige Deckgestein auf der Klosterinsel im kroatischen Krka-Fluss. Es bedeckte einst fast den gesamten ehemaligen Inselboden.

  1. Die pyramidale Form der beiden Pyramidenberge

Das Hauptargument von Osmanagichs Pyramidenhypothese ist die dreieckige, pyramidale Gestalt der beiden Berge von Visočica und Pljeseviča. Sie spiegelt seiner Meinung nach wider, dass diese Anlage das Produkt einer hochentwickelten Zivilisation sein müsse und damit in eine Reihe mit den ägyptischen und den altamerikanischen Kultanlagen zu stellen sei. Seine Interpretation, dass Pyramiden der Neuen Welt immer in Paaren vorkommen würden, entspräche auch in der architektonischen Konzeption im Tal von Visoko. „Eine größere und eine kleinere. Die Pyramide der Sonne und die Pyramide des Mondes. Huaca del Sol und Huaca de la Luna“ (Osmanagich 2007, 30).

Abb. 11 Blick links auf eine durch Regen aufgeschwemmte Probegrabung an der Mondpyramide. Bei der Trocknung entstehen fast augenblicklich diese romben- und rautenformigen Brüche, die auch die Deckgesteine zeigen. Dabei handelte es sich nur um eine wenige Zentimeter dicke aufgeweichte Lehmschicht und nicht um ehemaligen kompakten Meeresboden.

Dafür führt er mittels Trickdarstellungen in seinem Dokumentarfilm genau vor Augen, wie man in prähistorischen Zeiten beide Bauwerke aus massiven und riesigen Steinblöcken errichtete. Wie bereits erläutert, habe ich bei meiner Inspektion keinerlei architektonische Belege für diese Behauptung vorgefunden. Des Weiteren hatte ich die geologischen Karten der Region genau studiert, die zusätzlich dokumentieren, dass diese auffällig gestalteten Berge in die natürlichen Formationen des Tals von Visoko eingebunden sind. Sowohl die sogenannte Mond- als auch die gegenüberliegende Sonnenpyramide zeigen die gleichen Höhenprofillinien, wie die an sie grenzenden Hügelketten. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied zu allen Großpyramiden auf der Welt!

Auf unserer Rückfahrt über Kroatien und Österreich sahen wir eine Vielzahl von Kalkstein-Formationen, die ähnlich und sogar bessere Bergkuppen zeigten und einer Pyramide zum Verwechseln ähnlich sahen. Osmanagich und sein Team blenden geologische Entstehungsbedingungen für die Gestaltung dieser Formationen völlig aus. Sie unterschätzen die natürlichen Gestaltungskräfte auf der Erde, die zu unglaublichen Strukturen und Formgebungen fähig sind. Diese „Wunder der Natur“ = „lusus naturae“ haben schon immer die Interpretation von Naturphänomenen erschwert (Daston & Park, 2003)

Osmanagich postuliert auch für andere geologische Strukturen in der Nähe von Visoko, wie die so genannte Sphinx oder das Amphitheater – dass es sich um Reste sehr alter, antiker Bauwerke handelt. Doch auch hier fanden wir nichts anderes als interessante erodierte Strukturen, die sich bei genauerer Betrachtung als geologische Schichten herausstellten (Abb. 12). Im Unterschied zur ägyptischen Sphinx nahe Kairo, die aus dem natürlichen Grundgestein des Gizeh-Plateaus herausgehauen wurde, wird der runde Hügel als künstlich errichtetes Großsteinbauwerk deklariert. Die archäologischen Charakteristiken der „Sphinx von Kairo(Abb. 13) werden von Osmanagich völlig verkannt und laienhaft mit der angeblichen „Sphinx von Visoko“ in eine entwicklungsgeschichtliche Reihe mit der Nilzivilisation gestellt.
Abb. 12 & 13 Links der Blick auf das Südende der sogenannten „Sphinx von Bosnien“. Aus meiner Sicht eine typische Kalksteinformation, die nichts mit einem künstlichem Bauwerk zu tun hat. Auf der rechten Seite zum Vergleich das Hinterteil der ägyptischen Sphinx, der mehrfach rekonstruiert wurde und die größte aus Naturfels gehauene Großsteinplastik der Welt darstellt.

Die Auswirkungen für die interkontinentale Pyramidenforschung

Die Spekulationen und die unwissenschaftlichen Arbeitsweisen von Osmanagich schaden erheblich der archäologischen Forschung. Seriöse Pyramidenforscher, die sich seit Jahren redlich bemühen, zu dokumentieren, dass es auch außerhalb Ägyptens oder Mesopotamiens pyramiden- oder zikkuratähnliche Bauwerke gibt, werden durch solche schlechten Arbeiten sofort von Fachleuten verunglimpft und in den gleichen Topf geworfen. Menschen, wie Semir Sam Osmanagich, täuschen damit – ob bewusst oder unbewusst – nicht nur falsche Tatsachen vor. Sie schmälern auch die Arbeit vieler Amateurforscher und Berufsarchäologen.

Viele prähistorische Stätten würden jene populäre Aufmerksamkeit vielmehr verdienen, wie es gegenwärtig das Tal der Bosnischen Pyramiden erhält. Ich möchte an dieser Stelle klar herausstellen, was Osmanagich und seine Mitarbeiter auf die Beine gestellt haben, verdient Respekt. Positiv hervorheben, möchte ich auch die Tunnelsysteme, die durch das Team untersucht wurden. Aber weder hat Osmanagich klare archäologische Befunde zu Tage gefördert, dass beide Orte in einer direkten Verbindung zueinander stehen – noch haben die Erklärungen, dass man den originalen Aushub der Höhle zum Bau der großen Sonnenpyramide verwendete (report passim. Hendrix 2013) eine realistische Begründung. Das sind unhaltbare Behauptungen! Man arbeitet permanent mit double standards – die in der Wissenschaft keine Berechtigung haben: Entweder ist die Sonnenpyramide ein nachträglich von Menschenhand geformter Hügel oder ein künstlich errichtetes Bauwerk von 220 m Höhe? Beides für sich kann nicht gelten!

Insofern möchte ich auf mein eingangs geschildertes Kapitel über den Umgang mit wissenschaftlichen Paradigmen zurückkommen: Es liegen in Visoko eine Vielzahl von Belegen vor, dass die Hypothese eines großen Pyramidenensembles nicht haltbar ist. Uns wurden geologische und archäologische Fakten in nicht haltbaren Zusammenhängen dargestellt, die das ParadigmaVisoko = Reste einer uralten Zivilisation“ nicht aufrechterhalten können. Auf meine kritischen Bemerkungen während der Besichtigung entgegnete die rechte Hand von Osmanagich: „Oh bitte, veröffentliche und vertiefe deine Bedenken nicht weiter. Ich könnte sonst meine Arbeitsstelle verlieren…“ (report passim. Hendrix 2013).

Ich möchte keinem Menschen seine Arbeitsstelle streitig machen, erst recht nicht in dem kriegsgebeutelten Bosnien und Herzegowina. Doch in der Wissenschaft geht es nicht um Anerkennung oder materielle Befriedigung. Es geht auch nicht um richtig oder falsch! Ideologiefreie Wissenschaft findet keine ultimativen Wahrheiten, sondern stellt nur noch tiefgründigere Fragestellungen. Dies sollten sich Herr Dr. Osmanagich und sein Team vor Augen führen. Möglicherweise haben sie bei dem Versuch, ihre Befunde an die Theorie, anstatt ihre Theorie an die vorliegenden Fakten anzupassen, wertvolle Spuren übersehen? Vielleicht gibt es verborgene, archäologische Artefakte, dass die Menschen der frühen Bronzezeit aufgrund der auffälligen geologischen Gestalt dieser Stätte diese doch nachträglich besiedelt haben?

Tiefgründige Fragen stellt Osmanagich weder in seinem Buch noch in seinen Ausstellungen. Zudem heimst er eine Menge Geld und Aufmerksamkeit mit diesen Darstellungen ein. Allein das Vorwort von seinem Buch, strotzt vor Eigenlob und Überbewertungen. Dort wird eine überdurchschnittliche Klarheit und Transdisziplinarität gewürdigt, die ich leider nirgendwo erfahren durfte. Weshalb sich gestandene Wissenschaftler aus den USA, Ägypten, Russland oder anderen Ländern zu den doktrinären Echtheitsbekundungen hinreißen lassen, kann ich nicht beantworten. Mich stimmt dieser Umstand jedoch sehr nachdenklich! Als Naturwissenschaftler und Experimentalarchäologe gehören für mich diese Machenschaften in die Kategorie: das müsste verboten werden!

Ein würdiger Umgang mit dem Vermächtnis von Visoko

In der Archäologie ist das Entdecken von Artefakten vergleichbar, wie mit dem Auffinden eines einzelnen Bausteins von einem heute nicht mehr sichtbaren Gebäude. Das Artefakt allein bringt uns keine echten Erkenntnisse über das einstige Aussehen des Bauwerks. Aus diesem Grund ist jede Erkenntnis für sich genommen nicht mehr wert als der einfache Stein selbst. Doch diesen Stein an die richtige Stelle gesetzt und mit anderen verbunden, ergibt am Ende ein ansehnliches Gebäude, dessen Bauplan man beim Betrachten des einzelnen Steins anfangs nicht erkennen konnte. So auch in der Welt der Pyramiden!

Viele Generationen von Menschen haben sich den Kopf zerbrochen, ob und wie weit die Pyramiden bauenden Völker ihr kulturelles Licht in ferne Länder ausgestrahlt haben? Pioniere der Wissenschaft, wie z.B. Thor Heyerdahl, haben dies nicht nur versucht, mit Grabungen zu untermauern. Sie wagten sogar, ihre Hypothesen mit gefährlichen Hochseeexpeditionen zu beweisen. Heute ist das nicht mehr notwendig, weil Tausende Menschen, ob Archäologen oder Amateurforscher, eine riesige Menge von Erkenntnissen und Fakten zusammengetragen haben. Ihre Erkenntnisse legen nahe, dass viele dieser Bauwerke nicht ohne Beeinflussung von außen entstanden wären. Dass auch Europa ein Kontinent der Pyramiden ist, hat sich leider noch nicht sehr weit herumgesprochen.

Abb. 14 Welche Geschichten kann diese altertümliche Stätte alles erzählen? Monte d´Accoddi gehört zu einer der größten und sicher auch einer der beeindruckendsten Stufenpyramiden Europas.

Natürlich sind nicht alle Standorte sehr alt und von großer kulturhistorischer Bedeutung. Eine Vielzahl von Stufenpyramiden, insbesondere auf den Mittelmeerinseln, verdient es jedoch, in eine Reihe mit den ägyptischen, mesopotamischen oder auch mesoamerikanischen Tempelpyramiden gestellt zu werden. Dabei sind diese Bauwerke seit Jahrzehnten bekannt und z.T. auch sehr gut erforscht. Dennoch werden sie weder in archäologischen Fachmagazinen gebührend erwähnt noch als Beleg für die interkulturellen Wechselwirkungen des Altertums herangezogen. Drei dieser Beispiele sind u.a. die Stufenpyramide von Monte d´Accoddi auf Sardinien (Abb. 14), die mittlerweile gut bekannten Stufenpyramiden auf den Kanaren sowie die beinahe unerforschten Stufenpyramiden auf Sizilien, um nur drei Beispiele zu nennen! Im Unterschied zu den unechten Pyramiden von Visoko findet man hier Duzende archäologischer Befunde, die belegen, dass sie einer Epoche des intensiven Kulturaustausches angehören. Mit einem Gründungsalter um 2.950 v.Chr. (Görlitz 2000, 34) ist Monte d´Accoddi nach offizieller Datierung sogar noch um einiges älter als die frühesten Pyramiden in Ägypten. Doch wer weiß das schon? Wer interessiert sich dafür? Und welche Relevanz hat das für die archäologische Forschung?

Der Kulturdiffusionismus wartet immer noch auf seine Renaissance 2.0. Eine allgemeingültige Anerkennung durch die Facharchäologen ist noch nicht eingetreten. Da kommen vielen Universitätsgelehrten solche Scharmützel, wie über die Pyramiden von Visoko, doch gerade recht! Ihre Widersprüchlichkeit und der unprofessionelle Umgang mit diesen Phänomenen dokumentieren in deren Augen doch den „Fanatismus“ und die wissenschaftliche Inkompetenz der Diffusionisten. Das Engagement einiger Diffusionisten, sich für den prähistorischen Kosmopolitismus und Internationalismus einzusetzen, wird in den Augen mancher Gelehrter vielleicht noch löblich zur Kenntnis genommen. Aber bei derlei Ungereimtheiten erscheint für die Mehrheit der Berufsarchäologen der Welt-Diffusionismus als keine echte akademische Alternative zum Konzept der autochthonen Zivilisationsentstehung. Somit bleibt auch das Paradigma der linearen Kulturentwicklung und der technischen Unzulänglichkeit der frühen Völker unangetastet, obgleich die Feldforschung an so vielen Beispielen aufweist, dass „irgendetwas“ an den Erklärungsmodellen der Schulwissenschaft nicht stimmen kann!

Aus diesem Grund geht es mir nicht darum das Werk von Osmanagich als Menschen, sondern als Wissenschaftler zu kritisieren. Wissenschaft kennt keine Moral. Menschen aber schon! Und wenn man diese Stätten zu heiligen Plätzen verklärt und eine echte akademische Auseinandersetzung nicht zulässt, verschließt man sich der Erkenntnisgewinnung. Und das sollte doch das Ziel aller Pyramidenforscher sein. Ich wiederhole gern: Wahre Wissenschaft stellt nur noch tiefgründigere Fragen und liefert keine ultimativen Antworten – das ist das wahre Vermächtnis vom Tal der Bosnischen Pyramiden.

 

 

Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Dominique Görlitz wurde erstveröffentlicht im Magazin Sagenhafte Zeiten – Argumente für das Unmögliche Heft 2/2014, 16. Jahrgang. bei Atlantisforschung.de erscheint er im Mai 2015 in einer redaktionell bearbeiteten (Verlinkungen) Online-Fassung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Literatur

  • Brestowsky, M. (2009): Evolution – ein Forschungsfeld im Grenzbereich. Naturwissenschaftliche Rundschau 1:16-19.
  • Daston, L. & Park, K. (2003): Wunder und die Ordnung der Natur 1150–1750. Eichborn, Frankfurt a. M.
  • Doyle, Sir A.C. (1902): Das Rätsel von Boscombe Valley. WELTBILD & Maritim-Verlag Dortmund.
  • Görlitz, D. (2000): Schilfboot ABORA – Segeln gegen den Wind im Mittelmeer. DSV-Verlag, Hamburg.
  • Kuhn, T.S. (1962): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Surkamp Verlag, Frankfurt a.M.
  • Osmanagich, S.S. (2007): Das Bosnische Tal der Pyramiden. Mauna – Fe, Sarajevo.
  • Pietschmann, H. (1990): Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. K. Thinemanns Verlag, Stuttgart [u.a.].

Internetquellen:

Bild-Quellen:

Bild-Archiv D. Görlitz & C. Lorenz (2013)

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