Weiterleitungserlaubnis erteilt …..

Gastbeitrag: Henryk M. Broder


RT – KÖNIGSBERG

29. 12. 2018

AfD Freunde Kinzigtal

Wenn es Broder nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Die perfekte deutsche Zustandsbeschreibung hier:

Die Deutschen, eine Mischung aus Größenwahn und Impotenz
Stand: 18:54 Uhr | Lesedauer: 9 Minuten

Je älter ich werde, desto mehr ähnele ich meinem Vater. Ich sehe in den Deutschen ein radikal infantiles Volk, das sich gerne führen und verführen lässt – mal von den Bösen, mal von den Guten. Aber da ist noch mehr.

Im Laufe der Jahre bin ich nicht nur älter geworden, als ich es je vorhatte, mir wird auch immer bewusster, dass ich Ansichten vertrete und Haltungen annehme, die denen meines Vaters immer ähnlicher werden. Und das bereitet mir, freundlich gesagt, ein schweres Unbehagen. So zu werden wie er, das würde ich mir nie verzeihen.

Nicht, dass er ein schlechter Vater war. Er gab sich Mühe, ein guter Vater zu sein, soweit er dazu in der Lage war. Obwohl er selbst nur eine Dorfschule besucht hatte, legte er Wert darauf, dass ich das Abitur mache. Alles, was er konnte, hatte er sich selbst beigebracht oder aufgeschnappt; er sprach fünf Sprachen, konnte Geige und Schach spielen und jedes kaputte Elektrogerät reparieren.

Nach heutigen Maßstäben war er freilich ungebildet. Er hatte weder Jules Verne noch Viktor Hugo gelesen, nicht einmal Karl May. Von Architektur, Kunst, Musik hatte er keine Ahnung. Oder grade so viel, dass er vor Rührung beinah ohnmächtig wurde, wenn das Kurorchester von Bad Kissingen die Ouvertüre zur „Fledermaus“ spielte.

Was er von den Beatles, Elvis oder Warhol hielt, will ich auch 40 Jahre nach seinem Ableben nicht zitieren. Im Fernsehen schaute er am liebsten das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, den „Internationalen Frühschoppen“ mit Werner Höfer und Schwänke von Arnold und Bach aus dem Millowitsch-Theater. Den Auftritt eines Politikers, egal welcher Partei, kommentierte er grundsätzlich mit dem Satz: „Die lügen doch alle.“

Und nun erkenne ich mich in ihm wieder. Nicht immer, aber immer öfter. Ich habe noch nie den Satz „Früher war alles besser!“ gesagt, nicht einmal gedacht. Ich weiß, dass früher nichts besser war, nicht einmal das Wetter. Allerdings meine ich, mich daran erinnern zu können, dass früher die Tomaten aromatischer und die Erdbeeren saftiger waren. Und die Kartoffeln schmeckten noch nach Erdäpfeln, nicht wie Tofuknödel mit Patatesgeschmack.

Dass ich im Begriffe bin, in die Alltagsfußstapfen meines Vaters zu treten, kam mir zum ersten Mal in den Sinn, als ich meinen Tee nicht aus einem Glas oder einer Tasse zu mir nahm, sondern aus der Untertasse schlürfte, so, wie es seit Jahrhunderten der Brauch in Osteuropa war, mit einem Stück Würfelzucker zwischen den Zähnen. Ich erschrak. War es so weit? Würde ich bald auch die „Apotheken-Umschau“ lesen und Helene-Fischer-Konzerte besuchen?

Da mein Vater die Jahre von 1939 bis 1945 in einigen schwer bewachten „Gated communities“ verbracht hatte und sein Überleben nur dem wilden Zufall verdankte, hatte er Deutschen gegenüber gewisse Vorbehalte. Trotzdem: „Deutsch“ war für ihn das Synonym für anständig, gut erzogen, fleißig, sparsam, zuverlässig, tüchtig, bescheiden und hilfsbereit. Aber leider auch für unberechenbar.

Für mich dagegen reimte sich „deutsch“ auf feige, angepasst, passiv-aggressiv, intolerant und autoritätshörig. Mein Protodeutscher war nicht Oskar Schindler, den damals noch niemand kannte, sondern Diederich Heßling, die Hauptfigur aus dem „Untertan“ von Heinrich Mann. Nur die jungen Deutschen in meiner Umgebung, die waren anders, denen fühlte ich mich verbunden, wenn wir auf Demos „Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt!“ schrien.

Mein Verhältnis zu „den Deutschen“ entspannte sich erst mit dem Fall der Mauer. Nicht schlecht, dachte ich, diese drolligen Figuren mit Vokuhila-Frisuren und Dauerwellen in Jeansjacken, die so einen komischen Dialekt sprachen, sie hatten es tatsächlich geschafft, ein mieses Regime zu stürzen, ohne dass ein Schuss gefallen wäre. Respekt.

Merkel sagt Rassismus und Antisemitismus den Kampf an

Mit einer Kampfansage an jede Art von Hass, Rassismus und Antisemitismus hat Kanzlerin Merkel an die Opfer der NS-Pogromnacht von 1938 erinnert. Das sagte sie bei einem Festakt in der neuen Münchner Hauptsynagoge.

Das hatte es in der deutschen Geschichte noch nicht gegeben. Bis dahin fanden Revolutionen entweder in der Turnhalle statt, oder sie wurden in Blut ertränkt. Und plötzlich war ein Volk da, das mit der Staatsgewalt nicht fraternisierte, sondern sich mit ihr anlegte.

Am meisten beeindruckten mich die Menschen, die in Prag über die Mauer zur Botschaft der Bundesrepublik rüber machten. Sie hatten alles zurückgelassen, getrieben von der Hoffnung auf ein Leben, wie von Brecht bedichtet: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel ins Gesicht nicht gern. Er will unter sich keinen Sklaven sehn und über sich keinen Herrn.“

Angehörige der privilegierten Klassen in Ost und West fanden das weder mutig noch bewundernswert, sondern dekadent und geschichtsvergessen. Stefan Heym machte sich über „eine Horde von Wütigen“ lustig, „die Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef“; Günter Grass nannte die DDR „eine kommode Diktatur“ und die deutsche Teilung eine „Strafe für Auschwitz“, die noch nicht verbüßt wäre.

Meine Generation braucht die NS-Prozesse
Aber was war das schon gegen – ich meine es ernst – die Bereicherung durch Menschen wie Joachim Gauck, Angelika Barbe, Konrad Weiß, Richard Schröder, Marianne Birthler und viele andere, die das mitbrachten, was in der Bonner Republik allmählich zur Bückware wurde: die Lust am Streit und den Wunsch nach einer Freiheit, die sich nicht darin erfüllt, zwischen Nike und Puma wählen zu können.

Die Ossis rüttelten das Land durch wie ein Physiotherapeut eine fette, kurzatmige Couchkartoffel, die sich nur aus dem Fenster lehnt, um einen Verkehrsunfall zu kommentieren. Der „Ruck“, der Anfang der 90er-Jahre durch das Land ging, war allerdings nicht besonders nachhaltig.

Das neue Deutschland erodiert und regrediert. Es taumelt einem Gesellschaftsmodell entgegen, das Rüdiger Altmann, Berater und Redenschreiber von Ludwig Erhard, in den 60er-Jahren entwickelt hatte: eine Volksgemeinschaft, getragen von einem Bewusstsein „der schicksalhaften Verbundenheit aller mit allen“. Richtig originell war die Idee nicht, neu war nur der Name, unter dem sie auftrat: Formierte Gesellschaft. Die destruktiven Klassenunterschiede sollten verschwinden, die Konflikte zwischen den Regierenden und den Regierten entschärft werden.

„Die Revolte der unteren Schichten ist auch geprägt von Flüchtlingsströmen“
Alle sollten an einem Strang ziehen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Betuchte und Bedürftige, Arier und Vegetarier. Die „soziale Marktwirtschaft“ war die logische Umsetzung dieses Konzepts in die Praxis, ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Unter den Bedingungen des „sozialen Friedens“ wird mehr gearbeitet, dafür weniger gestreikt und gemeckert. Der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ wird gestärkt, was wiederum die Kosten für die Betreuung derjenigen senkt, die allen Appellen zum Trotz lieber ein Leben am Rande der Gesellschaft führen.

An sich keine schlechte Idee, die freilich daran krankt, dass sie eben nicht inklusiv, sondern exklusiv ist. Eine Volksgemeinschaft ergibt nur dann einen Sinn, wenn es jemanden gibt, der nicht dazugehören darf oder will. Wie in jeder Familie muss es auch in der Gesellschaft schwarze Schafe geben.

Das können, je nach Lage, Alkoholiker, Bolschewiken, Juden, Freimaurer, Homosexuelle oder Steuerverweigerer sein, „Pinscher, Uhus und Banausen“ (Erhard), „Ratten und Schmeißfliegen“ (Strauß) oder auch Leute, die ihren Müll nicht trennen und nicht an die Klimakatastrophe glauben.

Die Populisten sind gekommen, um zu bleiben
Derzeit sind es „die Rechten“, eine diffuse Untergruppe der Gesamtbevölkerung, die von Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin über die Leser der „Jungen Freiheit“ bis zu den Aktivisten und Wählern der AfD reicht. Alles „Rechte“, eigentlich „Rechtsradikale“, genau genommen: „Nazis“. Und wenn es um Nazis geht, muss man „den Anfängen wehren“ und dafür sorgen, dass es „nie wieder“ ein ’33 gibt, engagiert und mutig, auch wenn es auf den ersten Blick absurd erscheint, dass „der Widerstand gegen Hitler und die Seinen umso stärker wird, je länger das Dritte Reich tot ist“ (Johannes Gross).

Das „Engagement“ der meist jungen und unbelesenen Antifaschisten beruht auf einem Denkfehler. Wenn die AfD-Leute Nazis sind, die ein Viertes Reich herbeiführen wollen, was bitte waren dann die echten Nazis? Man könnte natürlich dagegenhalten, dass die Nazis am Anfang auch harmlos taten, aber das war nicht der Fall.

„Mein Kampf – Eine Abrechnung von Adolf Hitler“ erschien im Juli 1925, also mitten in der Weimarer Republik. In dem Buch wurde das Programm der NSDAP vorweggenommen. Wer wissen wollte, was „Hitler und die Seinen“ planten, konnte es beizeiten erfahren, wenn er nur lesen mochte.

Die autoritäre Versuchung unserer Zeit
Für die von Lustangst aufgeladene Fantasie, die AfD würde dort weitermachen, wo die NSDAP aufhören musste, könnte es einen Doppelgrund geben: Den Wunsch, das eigene Tun zu heroisieren und zugleich ein uneingestandenes Bedürfnis, das Versagen der Eltern und Großeltern zu minimieren. Von den Antifa-Jungspunden der Linken bis zu den „Omas gegen rechts“, die es im fortgeschrittenen Alter noch einmal wissen wollen: „Damals, in meiner Jugend, haben wir unsere Eltern gefragt: Warum habt ihr nichts gemacht gegen Hitler, gegen das Dritte Reich?“

Der Kampf gegen die Nazis und „für eine offene Gesellschaft“ nimmt bizarre und mitunter totalitäre Formen an. Der Bundestag beschließt Hals über Kopf eine neue Geschäftsordnung, um zu verhindern, dass ein AfD-Abgeordneter als Alterspräsident die konstituierende Sitzung des neu gewählten Parlaments eröffnet; im bayerischen Landtag will die FDP-Fraktion nicht neben der AfD-Fraktion platziert werden; in Berlin lehnt eine Waldorf-Schule die Aufnahme eines Schülers ab, weil der Vater des Jungen für die AfD im Abgeordnetenhaus sitzt.

In Dresden wird ein AfD-Bundestagsabgeordneter aus einem Kino gewiesen, er darf „Das Leben des Brian“ nicht sehen. Der Veranstalter, ein linksgerichteter e.V., erklärt dazu, es habe sich um „keine öffentliche politische Diskussionsveranstaltung, vielmehr ein weihnachtliches Familientreffen“ gehandelt, der MdB habe provozieren wollen. „Um weitere Provokationen zu verhindern“, habe man „von unserem Hausrecht Gebrauch gemacht“.

Wie die Theorie der Postmoderne zu einer Bedrohung des Rechtsstaats wurde
So ein Verhalten zeugt nicht von guten Manieren, es ist kein demokratischer Stil, noch ärger ist, dass sich kein Widerspruch dagegen regt. So gerät nicht nur eine öffentliche Filmvorstellung zu einem „Familientreffen“, das ganze politische System wird familiarisiert. Politiker der Linkspartei, einer Nachgeburt der SED, gehören inzwischen zur Familie, auch wenn sie mit der Stasi gekungelt haben.

Politiker der AfD werden proaktiv ausgegrenzt. Womit auch Millionen ehemaliger CDU- und SPD-Wähler zu Nazis erklärt werden. Der gruppenbezogene Generalverdacht, im Falle anderer Kollektive eine schwere und unverzeihliche Sünde, rechtfertigt Maßnahmen, die man früher als „Sippenhaft“ bezeichnet hat. Es stellt sich die Frage, was die Demokratie mehr gefährdet: eine „rechte“ Partei, die niemand wählen muss, aber jeder wählen kann, oder der Kampf gegen sie.

Mich macht das alles nervös. Ich merke, wie sich mein Verhältnis zu den Bio-Deutschen wieder verspannt, wie in mir Zweifel hochkommen, ob sie wirklich etwas aus der Geschichte gelernt haben oder diesmal nur auf der vermeintlich richtigen Seite mitlaufen wollen.

„Die bisherige CDU/CSU wird die Erschütterungen nicht überstehen“
Diese Mischung aus Größenwahn und Impotenz, verkörpert durch eine Regierung, die der ganzen Welt ein Vorbild sein, das Klima retten und die Fluchtursachen beseitigen will, während sie daheim vor der Aufgabe kapituliert, ein flächendeckendes Mobilfunknetz einzurichten, die moralgetränkte Leidenschaft, mit der ein Geschichtenerfinder zuerst gefeiert und dann von denselben Leuten gnadenlos demontiert wird, das alles lässt nichts Gutes hoffen.

Die Deutschen sind nicht nur eine verspätete Nation, sie sind ein radikal infantiles Volk, das sich gerne führen und verführen lässt, mal von den Bösen, mal von den Guten. Fleißig, tüchtig, bescheiden und hilfsbereit. Aber eben auch immer gut für eine Überraschung.

Ich werde mir jetzt einen Tee machen und ihn aus der Untertasse schlürfen, so, wie es seit Jahrhunderten der Brauch in Osteuropa war, mit einem Stück Würfelzucker zwischen den Zähnen. Dabei werde ich versuchen, Kontakt mit meinem Vater aufzunehmen, und ihn bitten, mir zu erklären, was mit den Deutschen los ist. Er sieht die Dinge aus größerer Distanz, er müsste es wissen.

 

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